Eröffnungsrede von Staatssekretär Wewer auf der LinuxWorld Expo
Eröffnungsrede von Herrn Staatssekretär Dr. Göttrik Wewer auf der Messe "LinuxWorld" am 27.10.2003 in Frankfurt
Quelle: (www.bmi.bund.de/dokumente/Rede/ix_93326.htm)
Es gilt das gesprochene Wort!
Dear Mr. Korse, sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, heute hier in Frankfurt die LinuxWorld 2003 eröffnen zu dürfen. Diese Fachmesse ist ein Erfolg.
Sie ist inzwischen zur europaweit größten Fachveranstaltung für Open Source Software herangewachsen. Zu diesem Jahr sind - wie bei den drei vorangegangenen Veranstaltungen - wiederum mehr Aussteller als im Vorjahr angemeldet. Die Veranstalter erwarten, so sagen sie, auch 2003 einen Besucherrekord. Das ist ein großartiger Erfolg, zu dem ich herzlich gratuliere.
Im Umfeld von Open Source Software gibt es nicht nur diese Erfolgsgeschichte, sondern besonders viele "Fort-Schritte" zu verzeichnen. Das ist ausgesprochen erfreulich. Von den Anfängen in studentischen Hobby-Programmierstuben bis zur kommerziellen Leistungsschau auf einem der renommiertesten Messegelände der Welt ist es ein weiter Weg: Die LinuxWorld mit ihrem vielfältigen Angebot an Produkten macht augenfällig, welch großartige Leistungen die weltweite Open Source-Gemeinde vollbracht hat. Auf diese Leistungen können alle, die dazu beigetragen haben, aus guten Gründen stolz sein.
Lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, auch von unseren Erfolgen zu berichten. Wir fühlen uns nämlich in der strategischen Ausrichtung der Software-Politik des Bundesinnenministeriums und der Bundesverwaltung insgesamt durch die Entwicklungen der letzten Jahre vollauf bestätigt. Ihre Erfolge und unsere Ergebnisse geben uns Recht.
Die IT-Strategie des Bundes - Offenheit und Interoperabilität
Sehr geehrte Damen und Herren,
die IT-Systeme von Staat und Verwaltung sind heute ebenso lebenswichtige wie sensible Infrastrukturbereiche eines jeden Landes. Entscheidungen über Software-Politik sind daher Gegenstand langfristiger Planung. Noch zu Zeiten der Interneteuphorie und des Höhenrauschs auf dem Neuen Markt hat die Bundesregierung umfassende Konzepte entwickelt, um unserem Land die Chancen der neuen Technologien in vollem Umfang zu eröffnen und gleichzeitig die Risiken der rasanten Technologieentwicklung beherrschbar zu machen.
Bundesregierung und Bundesverwaltung sehen sich beim Einsatz von IT in einer Vorreiterrolle. Was wir tun, wird aufmerksam beobachtet. Dies gilt besonders für die Innenministerien als diejenigen Ressorts, die zuständig sind für Querschnittsaufgaben, wie Organisation oder Informationstechnik. Im Bundesministerium des Innern gibt es dafür unter anderem eine "Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung für Informationstechnik in der Bundesverwaltung" - kurz KBSt, die für die gesamte Bundesverwaltung, also für hunderte Behörden des Bundes zuständig ist - vom Ministerium bis zum Arbeitsamt vor Ort. Daneben stimmt sich die KBSt aber auch mit den anderen Verwaltungsebenen ab, also mit den Ländern und den Kommunen.
Grundlage unserer Strategie ist das Bekenntnis zu Offenen Standards und zu Vielfalt in der Software-Landschaft der Behörden. Das Bekenntnis zur Vielfalt bedeutet nicht ein "anything goes" oder die Tolerierung von Wildwuchs. Gefordert ist die Interoperabilität der eingesetzten Produkte mit anderen Herstellern und Komponenten. Interoperable Verfahren sind Voraussetzung für das Zusammenspiel der staatlichen Behörden untereinander, die elektronische Kooperation mit der Wirtschaft und die digitale Kommunikation mit Bürgerinnen und Bürgern.
Politischer Rahmen: BundOnline2005 und DeutschlandOnline
Die ebenso kundenfreundliche wie effiziente Kommunikation mit den Kunden der Bundesverwaltung steht im Zentrum unserer eGovernment-Initiative BundOnline 2005. Über 100 Behörden werden dabei insgesamt weit über 400 Dienstleistungen bis zum Jahr 2005 online stellen. Sie müssen diese in bestehende Systeme und Netze integrieren, mit zentralen Basiskomponenten wie der Zahlungsplattform verknüpfen und gegebenenfalls auch untereinander vernetzen. Dazu bedarf es größtmöglicher Interoperabilität. Wir sind übrigens voll im Plan: 226 Dienstleistungen sind zur Halbzeit der Initiative bereits online abrufbar.
Wir haben die Initiative BundOnline jetzt zu dem Programm DeutschlandOnline ausgeweitet. Der Bund kooperiert dabei mit den 16 Bundesländern und mit potenziell 14.000 Kommunen. In dieser Partnerschaft wollen wir über die Verwaltungsebenen hinweg elektronische Dienstleistungen künftig vereinfachen und medienbruchfrei vernetzen. 10.000 Großunternehmen, 3,3 Millionen Kleine und Mittlere Betriebe sowie 82 Millionen Bürgerinnen und Bürger bilden theoretisch den Kundenkreis. Weder Bürger noch Unternehmen interessieren sich wirklich dafür, mit welcher Verwaltungsebene sie kommunizieren. Sie wollen lediglich einen leicht zu erreichenden Ansprechpartner und schnelle, transparente Transaktionen. Die Ministerpräsidenten der Länder und der Bundeskanzler haben sich auf fünf Arbeitsschwerpunkte geeinigt.
1) Ein Portfolio von Dienstleistungen verschiedener Verwaltungen wie z.B. Ummeldung werden in sogenannten "Einige-für-Alle-Software-Lösungen" entwickelt und den anderen zur Verfügung gestellt. 2) Die regionalen und bundesweiten Portale sollen vernetzt werden, um die Online-Kunden direkt zu den gewünschten Ansprechpartnern zu führen. 3) Organisatorische wie technische Infrastrukturen für den Datenaustausch werden entwickelt und ausgebaut. 4) Zentrale IT-Standards werden ausgebaut und publiziert. 5) Ein Transfer-System wird dafür sorgen, dass einmal entwickeltes Knowhow auch von allen genutzt werden kann.
Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist offensichtlich: Auch bei diesem anspruchvollen Unterfangen ist Interoperabilität entscheidend; Offene Standards sind die Voraussetzung für gemeinsames Handeln, da wir möglichst hersteller-unabhängig investieren wollen.
Offenheit durch Open-Source-Software
In diesem Zusammenhang erhält Open-Source-Software ihren Platz: 1) ihre Standards sind nachweislich "offen"; 2) die Tatsache, dass mit Linux nicht nur irgendein funktionales Produkt angeboten wird, sondern ein Betriebssystem, eröffnet viele neue Freiheitsgrade im Hinblick auf mehr Herstellerunabhängigkeit.
Wir haben im Bundesinnenministerium in den vergangenen Jahren immer wieder das strategische "Soll" mit dem empirischen "Ist" des IT-Einsatzes in unseren Behörden abgeglichen. Dabei sind wir schon frühzeitig auf die großen Potenziale von Open-Source-Software gestoßen. Für die Initiatoren überraschend legten die ersten verwaltungsinternen KBSt-Workshops 1999 und 2000 schlagartig offen, dass auch ohne strategischen Anstoß schon eine aktive Open-Source-Community in der Bundesverwaltung am Werk war und so mancher Server ebenso erfolgreich wie kostensparend unter Linux lief. Insbesondere das Bundesministerium des Innern hat die ersten positiven Erfahrungen aufgegriffen und die erkennbaren Potenziale von Open-Source in zahlreiche Projekte und Fördermaßnahmen umgesetzt.
Heute tragen strategische Planung und langjährige Arbeit an der Umsetzung Früchte und bringen uns - auch international - viel Anerkennung ein.
Eines ist dabei allerdings ganz wichtig: Hinter unserer Strategie steht kein Entweder-Oder und schon gar nicht eine erzwungene Entscheidung zwischen den großen kommerziellen Herstellern und der Welt der internationalen Internet-Community, die gemeinsam die Open-Source-Produkte erarbeitet. Die deutsche Bundesverwaltung bekennt sich zu Offenheit und Vielfalt in ihrer IT-Landschaft - bei Software wie bei Herstellern. Software-Monokulturen sind häufig sicherheitstechnisch problematisch. Wirtschaftliche Abhängigkeiten von einzelnen Herstellern führen meist zu überhöhten Kosten.
Deshalb sind wir einerseits stolz darauf, dass unser Open-Source-Kooperations-vertrag mit IBM von den Verwaltungen so gut angenommen wird. Andererseits hat das Bundesinnenministerium aber auch mit Microsoft dieses Jahr einen neuen Rahmenvertrag für die deutsche Verwaltung abgeschlossen, der das Grundgerüst für die weiterhin umfangreiche Zusammenarbeit bildet. An einem Kooperationsvertrag wird derzeit gearbeitet. Wir stehen zur Vielfalt und wir haben keine Berührungsängste.
Beispielhafte OSS-Projekte in der deutschen Verwaltung
Sehr geehrte Damen und Herren,
was mit einigen Open-Source-Workshops begann, hat sich inzwischen zu einer Bewegung entwickelt, die übrigens durchaus den Trends in der freien Wirtschaft entspricht: Immer mehr Bundesbehörden entschließen sich zu unterschiedlichen Formen der Migration. War noch vor Jahresfrist die Verwaltung des Bundestages ein einsamer Leuchtturm unter den Beispielen für komplexe Open-Source-Projekte, würde heute die Würdigung aller großen Migrationen meine vorgesehene Redezeit sprengen.
Ich will Sie deshalb nur auf einige Beispiele hinweisen:
Während frühere Migrationen sich meist darauf beschränkten, Server-Bereiche auf Linux umzustellen, ist nun der Trend erkennbar, auch die Computer an den Arbeitsplätzen auf Open-Source-Produkte umzustellen. Oft sind dazu mehrere Schritte vorgesehen.
So hat das Bundeskartellamt bereits seinen Server-Bereich auf Open-Source umgestellt - und dabei nebenbei die Anzahl der Server von 20 auf 7 reduziert. Dort werden jetzt alle zentralen Dienste von Linux-Servern mit Open-Source-Software zur Verfügung gestellt. Zur Zeit bedienen sie aber noch Microsoft Windows-Arbeitsplätze. Die Migration dieser Clients ist allerdings schon geplant und soll noch dieses Jahr realisiert werden. Auch der Bundesbeauftragte für Datenschutz hat zunächst im Serverbereich eine Komplett-Migration begonnen. Im kommenden Jahr werden dann auch die Clients aller Arbeitsplätze einbezogen.
Dass das Vertrauen in Open-Source-Produkte und den Bestand der Community wächst, erkennt man daran, dass sich nun auch große Institutionen in das Abenteuer einer Microsoft-ablösenden Migration wagen: So wird die Behörde der "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" ihre 2.500 Computer-Arbeitsplätze auf Linux portieren. Die Server-Migration ist schon erfolgt.
Dem gegenüber hat etwa die Monopolkommissionsowohl den Serverbereich als die einzelnen Arbeitsplätze in einem Schritt auf Linux umgestellt. Die Anmeldung der Benutzer an ihrem Arbeitsplatz-Computer erfolgt über Chipkarte und Fingerabdruckscanner - alles auf Basis von Open-Source-Produkten.
Ein flexibles Konzept wählte die Tierzuchtversuchsanstalt. Dort wurde eine sogenannte Thin-Client-Lösung realisiert, die über Linux-Server eine einfache zentrale Administration der Arbeitsplätze ermöglicht. Da in dem kurzen Zeitraum des Projektes nicht alle Clients umgestellt werden konnten, ist das Konzept so ausgelegt, dass die IT-Mitarbeiter nach Projektende einfach nach und nach die anderen Arbeitsplätze migrieren können.
Besonders komplex ist das Migrationsvorhaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das künftig Linux- und Windowsarbeitsplätze in einem gemeinsamen System betreiben wird. Dazu neu entwickelt wurde "Kroupware" - mit großen K geschrieben - eine Software, die Open-Source-Nutzern wie Microsoft-Nutzern im BSI so komfortable Funktionen wie Kalender, Kontakte, Aufgaben und die Synchronisation mit dem PDA im Zusammenhang mit ihrem Mail-Programm zur Verfügung stellt.
Damit sind die Varianten der Migration längst nicht erschöpft. Auch bei Ländern und Gemeinden setzt sich Open-Source immer weiter durch. Spektakuläre Entscheidungen wie München oder in der Vorreiter-Stadt Schwäbisch-Hall sind so ausführlich durch die Presse gegangen, dass ich sie hier nicht weiter ausführen will.
Sehr geehrte Damen und Herren,
eines zeigen diese Beispiele: die Verwaltung ist bei der Gestaltung ihrer IT-Systeme - für Viele vielleicht unerwartet - flexibel. Und das ist gut so.
Als Beleg möchte ich Ihnen noch das größte und derzeit erfolgreichste Open-Source-Projekt meines Hauses vorstellen.
Der Migrationsleitfaden des BMI
Der im Juni publizierte Migrationsleitfaden für Software-Basiskomponenten aus dem BMI wurde schon im ersten Monat nach seinem Erscheinen über 20.000 mal aus dem Internet heruntergeladen. Inzwischen zählen wir weit über 30.000 Downloads. Und der Buchverlag, der seit Mitte Oktober die Hardcover-Version des Leitfadens vertreibt, äußert sich begeistert über die Verkaufszahlen schon in den ersten Tagen.
Welch ein außerordentliches Interesse an einem 450-Seiten-Werk, das keinesfalls unterhaltungsverdächtig ist!
Woran liegt das? Der Migrationsleitfaden des BMI bietet IT-Entscheidern sowohl strategische als auch handwerklich detaillierte Entscheidungshilfe zur Weiterentwicklung ihrer Systeme. Anhand von behördentypischen Szenarien werden jeweils die Alternativen diskutiert: entweder eine "fortführende Migration" - also einer Weiterführung der Microsoft-Produktlinie - oder eine "ablösenden Migration" - also einer Ablösung der Microsoft Produkte durch Open- Source. Die einzelnen Einsatzbereiche der Software werden dabei sowohl einer technischen als auch einer betriebswirtschaftlichen Betrachtung unterzogen. Darüber hinaus gibt die Studie ausführliche Hinweise auf die beschreitbaren Migrationswege.
Offensichtlich gibt es einen ungeheuren Informationsbedarf an Entscheidungskriterien zu den anstehenden Migrationen, die durch den Ablauf des Supports für ältere Windows-Versionen nötig werden.
Diese bietet der Leitfaden, die Entscheidung übernimmt er aber nicht: Ob Microsoft-fortführende, vollständig ablösende oder ob Teil-Migration, ob sanftes oder schnelles Vorgehen, entscheiden müssen letztendlich die Verantwortlichen in der jeweiligen Behörde. Ein Königsweg der Migration ist nicht vorgesehen, es gibt ihn nicht. (Weiterführende Informationen und Download-Angebote zum Migrationsleitfaden finden Sie auf der Website der KBSt: www.kbst.bund.de)
Sicherheit und Open-Source
Meine Damen und Herren,
ich glaube, ich habe hinreichend ausgeführt, was die Bundesverwaltung unter "Offenheit" in der IT versteht.
Bevor ich abschließend auf unser Bedürfnis nach effizienter Zusammenarbeit zu sprechen komme, möchte ich hier noch einige Überlegungen zum Aspekt des Zugewinns an Sicherheit durch Einsatz von Open-Source-Software anstellen.
Ich will hier nicht die Frage diskutieren, ob Open-Source-Software wegen der Offenlegung des Quellcodes von vornherein und in jedem Fall sicherer ist. Betriebssysteme sind - ganz gleich ob Windows oder Linux oder andere - so komplex, dass eine fundierte Aussage zur Sicherheit nicht durch ein paar Blicke auf den Quellcode möglich ist. Zudem haben ständige Veränderungen einzelner Komponenten und der Systemumgebung Einfluss auf die Sicherheitsbewertung. Uns interessiert daher nur die geprüfte Sicherheit.
Wir verlassen uns grundsätzlich nicht auf die Sicherheit von Betriebssystemen allein, sondern setzen zusätzlich IT-Sicherheitskomponenten ein. Gerade für die Entwicklung solche Sicherheitskomponenten bietet Linux wegen der Offenlegung des Quellcodes und der Veränderbarkeit des Systems interessante Möglichkeiten.
Bereits weit verbreitet sind ja schon Linux-basierende Firewall-Systeme.
Hinzu kommt der Bereich der Verschlüsselung. Als wir uns Ende der 90er Jahre darüber Gedanken machten mussten, wie wir in IP-basierten Netzen sichere Verschlüsselung realisieren, brauchten wir für die entsprechenden Produkte, die das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik entwickelt hat, auch ein Betriebssystem. Hier kam als einziges Linux in Frage. Nicht nur wegen der Offenlegung des Quellcodes, sondern auch weil wir das System verändern konnten. Wir konnten Linux härten, indem wir alles Überflüssige herausgenommen haben. Dieses schlanke Linux haben wir dann mit vertretbarem Aufwand einer vertieften Sicherheitsevaluierung unterziehen können und in diesem Zustand wird es als Grundlage für das Projekt SINA und die damit entwickelten Produkte verwendet. Auf Grundlage dieses Projektes entsteht zur Zeit eine Produktfamilie von marktgängigen Produkten für den mittleren Schutzbedarf bis zu hochsicheren Produkten, mit denen wir unsere Staatsgeheimnisse, etwa im Auswärtigen Dienst oder bei der Bundeswehr schützen können.
Das Auswärtige Amt stellt in diesem Zusammenhang sein gesamtes weltumspannendes Kommunikationsnetz für die Botschaften auf Open-Source-Software um. Rund 200 Liegenschaften und die Berliner Zentrale werden darüber ihren - natürlich streng vertraulichen - Geschäftsverkehr abwickeln.
Dieses Beispiel passt nicht ganz in den Kontext der Verwaltungsanwendungen von Linux. Es zeigt aber sehr schön die Vielseitigkeit und die speziellen Eigenschaften, die Linux für uns auch unter Sicherheitsgesichtspunkten interessant macht. Linux bietet damit zumindest eine Chance für mehr Sicherheit, die andere Betriebssysteme so nicht anbieten können.
"Sicherheit beginnt beim einzelnen Nutzer", ist unser Credo. Innenminister Otto Schily hebt das immer wieder hervor. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das eine zentraleRolle in der IT-Sicherheitsstrategie der Bundesregierung spielt, bietet ganz besonders für PC-Arbeitsplätze in- und außerhalb der Verwaltung Ratschläge, Standards und Tools an. Das BSI nutzt und bedient dabei auch Open-Source-Umgebungen.
So wurde dort mit Partnern aus der IT-Wirtschaft im Projekt Sphinx Standards Software für Email-Verschlüsselung und elektronischer Signatur zur Produktreife getrieben. Mit dem Projekt Ägypten hat das BSI ein Open-Source-Produkt für die digitale Signatur nach dem Sphinx-Standard hervorgebracht.
Dies soll an dieser Stelle zum Stichwort "Sicherheit" genügen. Ich glaube, das Gesagte genügt, um darzulegen, dass wir Open-Source-Software an sich weder für besonders sicher noch für besonders unsicher halten. Wir wollen ihre Potenziale nutzen.
Effizienz in Open-Source Partnerschaften.
Abschließend möchte ich noch ein paar Anmerkungen zur "Effizienz" in den Open-Source-Partnerschaften von Verwaltung und Wirtschaftsunternehmen machen. Genau genommen, geht es dabei um "Effizienz und Belastbarkeit" der Beziehungen.
Wir sollten erst gar nicht versuchen, darüber hinweg zu sehen: die Open-Source-Community mit ihrem scheinbar anarchischen und gleichzeitig so strukturiertem Einsatz freiwilliger Mitarbeit und die recht- und regelorientierte Verwaltung existieren in vieler Hinsicht in Parallelwelten bzw. in unterschiedlichen Kulturen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass so mancher deutsche Verwaltungsbeamte in seiner Freizeit ein produktives Mitglied der Open-Source-Community ist. Die kommerzielle IT-Branche wird als Wirtschaftszweig - völlig zu recht - eine "eigene Kultur" für sich beanspruchen, die weder mit der Verwaltung noch mit den Open-Source-Aktivisten viel gemein hat.
Im Sinne der Effizienz, die die Verwaltung ihren Kunden schuldig ist, müssen wir belastbare Brücken bauen zwischen den Kulturen, die langfristig Zusammenarbeit und Partnerschaften tragen.
Lassen Sie mich dies noch etwas erklären.
Die Open-Source-Community beansprucht für sich eine ganze Reihe von Werten: Offenheit, Freiheit und die Hervorhebung des aktiven Beitrags des Einzelnen in der Gemeinschaft sind Vorstellungen, die diese Bundesregierung und Verwaltung selbst programmatisch vorantragen. Auch wir setzen darauf, dass Eigenverantwortung und flache Hierarchien Kreativität und Produktivität zur Entfaltung bringen. Wir bewundern den materiell desinteressierten Fleiß und die Phantasie, die in der Open-Source-Kultur zum tragen kommen.
Aber wir sind auch die Verwaltung, die von ihren Bürgern bezahlt, diesen zu effizientem Gebrauch der Ressourcen und vor allem zur Rechtmäßigkeit und Offenlegung ihres Vorgehens verpflichtet ist.
In anderen Worten: Wir wollen die Kreativität der Open-Source-Gemeinde, aber wir können uns nicht vom Good-Will und den Interessen einer internationalen Programmierer-Community abhängig machen. Wir sind durchaus willens, gemeinsam Produziertes an die Gesellschaft oder ihre Repräsentanten zurück zu geben - wie es die Open-Source-Lizenzen fordern. Aber gerade wir sind dabei an rechtliche Rahmenbedingungen gebunden. Dort werden wir noch gemeinsam nach Lösungen suchen müssen.
Jenseits aller Werte braucht die Verwaltung bei der Durchführung ihrer IT-Projekte verlässliche Partner mit klaren Verantwortlichkeiten, sie braucht professionellen Support und langfristige Geschäftsbeziehungen. Wir müssen schlicht jemanden haftbar machen können, wenn nicht vertragsgemäß geliefert wird. Wir können nicht und vor allem wollen wir nicht, immer neue Kombinationen zu gleichartigen IT-Lösungen selbst "zusammenstricken". Wir brauchen also Partner, die quasi als Generalunternehmer "schlüsselfertige" Bauten oder frei zu kombinierende Bausteine anbieten. Fast genauso unangenehm wie aufgezwungene Microsoft-Updates, können für uns die Produktionszyklen der Open-Source-Produkte sein. Wir brauchen Dienstleister, die diese Umweltbedingungen der Open-Source-Welt für uns moderieren.
Sehr geehrte Damen und Herren,
bitte verstehen Sie dies nicht als Kritik, sondern als Anregung. Wir haben für unsere Open-Source-Projekte bisher immer kreative und verlässliche Partner gefunden, mit denen wir geeignete Geschäftsmodelle und effiziente Anwendungen entwickeln haben. Aber: je mehr diese Geschäftsmodelle standardisiert und transparent werden, desto leichter ist es für die Behörden diese zu übernehmen. Und je mehr Unternehmen verlässliche Dienstleistungen anbieten, desto mehr wächst das Vertrauen in Open-Source-Systeme.
Unter unseren bisherigen Projektpartnern befanden sich kleine, mittlere und sehr große Unternehmen, die allesamt großartige Arbeit geleistet haben. Ich muss jedoch gestehen, dass im Sinne der Belastbarkeit und Verlässlichkeit von Open-Source-Partnerschaften für uns das Engagement einiger großer Player von besonderer Bedeutung war, weil sie für Durchsetzungskraft am Markt und Langfristigkeit stehen.
Der schon erwähnte Kooperationsvertrag des Innenministeriums mit IBM zur Förderung des Einsatzes von Open-Source-Software hatte letztes Jahr eine Signalwirkung und hat noch immer eine Leitbildfunktion. Die Zahlen sprechen für den Bedarf und seinen Erfolg: Über 500 Behörden aus Bund, Ländern und Gemeinden haben im ersten Vertragsjahr ein Beitrittsgesuch zum Kooperationsvertrag gestellt.
Inzwischen propagieren auch andere Größen der IT-Branche wie z. B. Hewlett-Packard oder SAP den Einsatz von Open-Source offensiv. Das sehen wir mit Genugtuung, weil es uns bestätigt und - dies ist wichtiger - weil es den Markt belebt. Verstehen Sie mich richtig: Im Alltag der Projektdurchführung und der Unterstützung des Betriebs werden wir natürlich auch weiter auf kleine und mittelständische Auftragnehmer setzen - bewährte Partner wählen und Ausschau nach neuen Ideen halten.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich würde mich freuen, wenn dieser knappe Einblick in die Ziele und Vorhaben des Bundes beim Einsatz von Open Source bei der ein oder anderen Firma zu einer Initialzündung für eine neuen Geschäftsidee führte. In jedem Fall kann ich Ihnen versichern, dass die Bundesregierung und ihre Verwaltung sehr bewusst auf Open-Source-Software setzen. Dies aus unserer Sicht ist nicht der Abstieg, sondern erst der Beginn einer langen Beziehung. Ich freue mich darauf.
Ihnen Allen wünsche ich eine erfolgreiche Messe und zukunftsweisende Diskussionen in den Foren.







